Zwischen Original und Künstlichkeit: Wie man KI-Texte erkennt
Schütze dich vor Manipulation und Betrug
Auf meine letzten Artikel Der energetische Preis des digitalen Begehrens, Künstliche Intelligenz als Gott und Wie sehr willst du es wissen? folgte eine Fülle an Rückmeldungen und Fragen, sowohl inhaltlich wie sprachlich.
Der Preis der Echtheit
In diesem Essay gebe ich Antworten, indem ich Einblick in die Rollen als Schreibende, Lesende und Buchhändlerin gewähre. Ich teile meine Erfahrung in der Content-Erstellung seit 2017. Dabei gehe ich der Frage nach, die heute alle Schreibenden betrifft:
Was bedeutet es, eine eigene Schreibstimme unter KI-Texten zu haben?
Was bedeutet ein Individualstil für Lesende und warum führt er zum Erfolg?
Ich beleuchte die Bruchlinien zwischen organischem Ausdruck und KI-erzeugter Texte, sowie die ethischen Fallstricke in der Erarbeitung von Inhalten. Besonderes Augenmerk lege ich auf die Frage, woran man KI-Texte erkennt und warum es unabdingbar ist, sie zu erkennen – als Leser und Autor. Dabei geht es nicht nur um Plagiate ohne Kontur, sondern um das größere Problem:
Leser werden nicht nur zum Narren gehalten, sondern bezahlen für Inhalte, die sie mit dem passenden Prompt selbst erstellen können.
Demgegenüber geraten etablierte Autoren zunehmend in die Pflicht, ihre Eigenständigkeit ohne KI unter Beweis zu stellen. Ferner geht es um die Verletzung des Urheberrechts.
Die Entwicklung der Schreibstimme
Bevor es KI gab, gab es großartige Autoren, die ein Alleinstellungsmerkmal besaßen: einen einzigartigen Ausdruck. Wer Franz Kafka gelesen hat, weiß nach drei Seiten, dass es Kafka ist. Wer Charles Bukowski gelesen hat, weiß nach drei Seiten, dass es Bukowski ist. Wer H. P. Lovecraft gelesen hat, weiß nach drei Seiten, dass es Lovecraft ist.
Der Ausdruck ist unique.
Meine eigene Schreibstimme entwickelte sich weder bewusst, noch weil ich einen literarischen Anspruch verfolgte, sondern aus jener Not, die erst eine gewisse Netzöffentlichkeit gebiert: Wie schaffe ich es, sinnlose Kommentare von Lesern zu vermeiden, die mich nicht verstehen?
Der Umgang mit Kommentaren
Egal ob Youtuber, Social-Media-Manager oder Online-Journalist, der Kampf gegen sinnfreie, unter- oder übergriffige Kommentare endet nie. Es ist unmöglich, allen Lesern gerecht zu werden, zumal es demographische Unterschiede, kulturelle Prägungen und verschiedene Bildungsstufen gibt.
Zu Beginn meiner öffentlichen Schreibtätigkeit, 2017, fehlte mir jedoch die Erfahrung. Je länger ich mich wunderte, warum ich von diesem „netten“ Herren und jener „freundlichen“ Dame nicht verstanden wurde, wo es doch nichts misszuverstehen gab, umso intensiver suchte ich nach Lösungen. Dass es immer Menschen gäbe, die gewisse Inhalte nicht verstehen, war zu akzeptieren – es ist schlicht der Beifang von Öffentlichkeitsarbeit. Aber lag es an mir?
Nach längerer Prüfung kam ich zu dem Schluss: Ich drückte mich klar aus. Aber ich konnte es besser. Also bemühte ich mich um einen unmissverständlichen, konsequenten, mitunter logisch-kühnen Ton, der besser trägt, was ich zu sagen habe.
Stilistisch bedeutete es keine Füllwörter, Aktiv anstatt Passiv, keine Kleist’schen Ungetüme – Bandwurm-Sätze. Präzision durch Verben, keine semantischen Doppelungen. Wenn etwas ausgesagt ist, ist es gesagt, es muss in einer anderen Variante – nur weil es gerade originell wäre – nicht noch einmal gesagt werden.
Inhaltlich bedeutete es Gedanken enger vorzutragen, wobei etwas Strenge richtig, im Grunde nur jede Ambiguität zu vermeiden ist. Keine Ausrufezeichen, keine impressionistischen Impulse, nur das logische Endbild – dicht an dicht.
So bewaffnet hatten die gröberen Kommentatoren weniger Angriffsfläche und die anderen, die nicht meiner Zielgruppe entsprachen, prallten am Text ab und kamen nicht wieder. Ein schöner Effekt.
Was Marketing-Strategen und SEO-Koryphäen lehrten, erwies sich schon damals als unbrauchbar, weil mein Schreibstil, sobald SEO-benetzt, deformiert war. Ich verstehe SEO und Copywriting, aber wenn ich es anwende, wird es gruselig.
Schreiben zwischen Angst und Freiheit
Schreibt man Prosa für einen Verlag, die nach zweijähriger Schreibtätigkeit veröffentlicht wird, gibt es nur ein Schreibprogramm und den Schreibenden. Schreibt man zwei Tage lang an einem Artikel, der anschließend online geht, gibt es Schreibprogramm, Schreibenden und die imaginierte Öffentlichkeit, die schon beim Schreiben mitliest.
Die unsichersten und zugleich lehrreichsten Schreibperioden sind jene, in denen man jeden Absatz dreimal liest und fünfmal neu schreibt, während der innere Alarm nonstop piepst: Wenn du es so schreibst, erklärst du den Technokraten den Krieg, wenn du es so schreibst, bist du das Hass-Liebe-Objekt der Psychologen, wenn du es so schreibst, lieben dich die Menschen und wenn du es so schreibst, hast du mit dem Verfassungsschutz zu tun.
Die journalistische Sorgfaltspflicht wurzelt im Presserecht, auch wenn unsere öffentlich-ächtlichen Propaganda-Fabriken es damit nicht mehr genau nehmen. Mein Problem jedoch lag nicht im Rechtlichen, sondern in der Diskrepanz zwischen dem Wunsch, Leser zu gewinnen, und der Notwendigkeit, mir selbst treu zu bleiben.
Meine Zielgruppe existierte zu Beginn eher vage. Die eigentliche Auslese begann, als ich aufhörte zurückzuweichen. Wenn ein Text weich wird, liegt es daran, dass schon beim Schreiben die Finger zittern. Dann verliert er seine Kraft, weil man zum Reproduktionsinstrument dessen geworden ist, was ohnehin massenhaft existiert: akzeptierte Denkgrenzen, das politisch Korrekte, der erwartete Kniefall vor der Wissenschaft, Psychologie als Andachtslehre und das Hochpreisen der Segnungen der Aufklärung als exponentiell wirkende Kraft bis ins fünfte Jahrtausend – ginge es nach den Pädagogen ...
Schreiben mit oder ohne KI
Nachfolgend zeige ich direkt in diesem Text, warum Schreiben mit KI in meinem Fall nicht funktioniert. KI optimiert meine Texte nicht, sondern verflacht sie. Eine Formulierung, die ich bewusst gewählt habe, wird von ihr gelöscht oder erweitert, mir dabei als besserer Lesefluss oder elegantere Formulierung verkauft.
Sie zertrümmert meine Gedanken, anstatt sie heraus zu meißeln.
KI kennt Stile und kann unterscheiden, ob man meinungsstark, intensiv oder freundlich schreiben möchte, aber sie kann das Eigentümliche einer hoch individualisierten Gegenwartsstimme nicht nachbilden.
Stimmen der Vergangenheit
KI kann jedoch verstorbene Dichter und Denker, Schauspieler und Prominente nachbilden. Ich bat Chat-GPT eine Verkehrsdurchsage von ca. 50 Wörtern im Stil von Friedrich Schiller (1759 - 1805), von Jesus Christus und Klaus Kinski (1926 - 1991) zu schreiben – was nicht gänzlich ohne Humor blieb.
Verkehrsdurchsage im Stil von Friedrich Schiller
“Achtung, ihr Wanderer auf des Asphalts schnellem Strom! Auf der Bundesstraße 7, zwischen den Ausfahrten Weimar-Nord und Jena-West, hat sich ein Unfall ereignet – ein Blechstoß, doch glücklicherweise ohne Menschenleid. Die rechte Spur ist versperrt, der Verkehr stockt in zähem Gedränge. O eilet mit Maß, nicht mit Hast! Lenkt euren Wagen mit Vernunft und Rücksicht, auf dass das Band des Fortschritts nicht zum Knoten der Gefahr werde. Bleibt wachsam – und menschlich.”
Verkehrsdurchsage im Stil von Jesus Christus
“Höret, ihr Fahrer auf dem Weg: Ein Unfall hat sich begeben auf der Straße zwischen Weimar und Jena. Und siehe, die rechte Spur ist blockiert, und viele stehen im Stau, betrübt in ihren Wagen. Doch ich sage euch: Seid geduldig und fahret mit Sanftmut, denn wer drängt, der stirbt, und wer achtet, der lebt. Achtet aufeinander wie Brüder und Schwestern – auf dass ihr heil ankommt und niemandem zur Last werdet auf dem Pfad.”
Verkehrsdurchsage im Stil von Klaus Kinski
“Zwischen Weimar-Nord und Jena-West steht der Verkehr – natürlich steht er! Wie soll er auch fahren, wenn alles in diesem Land gebaut ist wie von Blinden mit morschem Holz! Ein Unfall – und der ganze Fortschritt liegt wie ein toter Hund im Graben! Die rechte Spur ist gesperrt, aber keiner sagt euch, warum! Biegen Sie ab – wenn Sie es überhaupt schaffen, Sie gottverdammter Trottel!”
KI kann Stimmen der Vergangenheit imitieren, weil sie auf umfangreiche, abgeschlossene Textkorpora zugreift. Vergangenes ist fixiert und dokumentiert. Gegenwärtige Stimmen hingegen sind fließend, unverfestigt und noch nicht archiviert. Sie entziehen sich eindeutigen Mustern. Dennoch gibt es, im KI-generierten Ideen-Diebstahl, Versuche, die Eigenheiten von Journalisten und bekannten Buchautoren zu imitieren.
Diebe im digitalen Sprachschatz
Marketing-Infizierte frömmeln um den besten Prompt wie Tempelritter um die Bundeslade. Persönlich bin ich mild, wenn KI als Ideengeber fungiert, nicht aber, wenn sie ganze Texte schreibt und zugleich im Hinterzimmer plagiiert. Das Dilemma beginnt, wenn ein Dilettant mittels KI den Stil eines anderen als seinen eigenen ausgibt. Ein anderer Stil ist erkennbar, wenn – wie im obigem Beispiel – z. B. Friedrich Schiller Vorbild ist. Prekär wird es, wenn Journalisten und bekannte Buchautoren der KI zum Opfer fallen.
Dabei sind es nicht mehr nur Marketing-Infizierte, die sich wild gebärden, sondern Technik-Affine sprengen alle Grenzen, wenn sie sich gegenseitig zum Raubbau animieren, mit Hacks und Hast-du-nicht-gesehen … Der Fortschritt definiert sich kapitalistisch, im Gebrauch der KI als Geldmaschine. Dieser "Fortschritt" ist jedoch, in der Content-Erstellung, der Diebstahl echter Kreativität anderer Menschen mittels KI. Was andere als geistiges Eigentum in die Welt brachten, wird über einen Prompt gestohlen. Der Prompt mag genial sein, er ist aber nur so genial, wie die kriminelle Energie des Diebes.
Zwischen Prompt und Sprache
Marketing-Gläubige und Technik-Affine verstehen ausschließlich den Prompt, jedoch weder Sprache noch Menschen. Da sie Inhalte i. d. R. nur dann lesen, um zu verstehen, wie man einen Funnel baut, Leads und Ads richtig nutzt, können sie naturalistische Sprache nicht von expressionistischer unterscheiden. Textsorten kennen sie nicht, Lesarten kennen sie nicht. Wortarten, Stil, Ausdruck, Tempo, Rhythmus bedeuten ihnen nichts. Ich nehme die Buchhändlerin gleich zurück, aber worauf ich hinaus will: Text ist nicht gleich Text.
Aus dem Grund fühlen sie das Generische nicht, sondern beklatschen es: Content. Wie toll! Sie favorisieren die Sieben-auf-einen-Streich-Mentalität, nämlich Effizienz, Quantität und Verlässlichkeit bezüglich korrekter Rechtschreibung und Grammatik. Ein Blogpost in fünf Minuten, wohingegen andere viele Stunden dafür aufwenden.
Persönlich erkenne ich KI-Texte in Kommentaren, in Whats-App-Nachrichten, in Mails und in Essays und vor allem in No-Face-Video-Kanälen. Einerseits ist es die Energie, andererseits gibt es Anhaltspunkte.
Wie man KI-Texte erkennt
Chat-GPT z. B. kann, wie erwähnt, Stile unterscheiden und Stimmen nachbilden. Dennoch gibt es häufig wiederkehrende Muster, die sich, je nach Anwender, KI-Modell und Prompt, wiederfinden. Dies kann sowohl in zeitgenössischen Texten wie in posthum verfassten Texten im Stil einer prominenten Person auftreten. Am häufigsten finden sich nachfolgende Muster in schnell geprompteten Online-Texten, in Social-Media-Texten, Kommentaren, Mails und Blogposts:
Gedankenstriche
KI-Texte lieben Gedankenstriche nicht nur im ersten Satz, sondern zu oft. Englische Substack-Notes sind voll davon, sie häufen sich aber auch im Deutschen. Gedankenstriche an sich sind kein eindeutiges KI-Merkmal, es ist ein typographisches Mittel, das auch Autoren gerne verwenden. Aber KI verwendet sie zu häufig.
Beispiele
Liebe ist kein großes Wort – sondern viele kleine Taten.
Aber sie ist echt – oder sie ist es nicht.
Beispiele aus Social Media
“Dieses Gedicht ist kein politisches Pamphlet, sondern ein leiser Ruf. Es ist geschrieben aus Trauer, Sehnsucht und Liebe zu dem, was verloren scheint – und zugleich als Bitte an das, was noch in uns allen lebt.”
“In einer Welt, in der Antworten entweder als zu einfach oder als zu komplex gelten, kann es keine Lösungen geben. Wir haben den Blick von oben verloren – den Blick aus dem Dazwischen.”
Triplets um Intensität zu erzeugen
Beispiele
Liebe ist – Nähe, Wärme, Vertrauen.
Liebe ist – Geben, Halten, Bleiben.
Drei Substantive, Adjektive oder Verben in Reihe bilden ein Triplet, bzw. eine Dreierkombination. Stilistisch wirkt es eindringlich, ernst, manchmal wie eine Kumulation. Auch Autoren können dieses Stilmittel verwenden, KI-Texte nur sind damit überfüllt.
Beispiel aus Social Media
“Der Körper kennt zwei Rhythmen. Den Atem, der sich beschleunigt, wenn wir laufen, springen, schwitzen. Und den Atem, der sich verlangsamt, wenn wir loslassen, liegen, lauschen. Sport bewegt die Muskeln, Entspannung öffnet die Räume dazwischen.”
Häufige Formulierungen von „Nicht …, sondern …“
Beispiele
Nicht aus Trotz, sondern aus Freude.
Nicht um zu gefallen, sondern um zu lernen.
Es ist nicht, um eine Mauer zu errichten, sondern um Schutz zu erzeugen.
Beispiel aus Social Media
“Im Alltag hetzen wir oft von Termin zu Termin, ohne Luft zu holen. Doch wahre Stärke liegt nicht im ständigen Tun, sondern im bewussten Innehalten. Entschleunigung ist kein Rückschritt – sie ist ein Akt der Selbstfürsorge.”
Konstruktionen wie diese sind stilistisch weder gut noch schlecht, aber in KI-Texten kommen sie so häufig vor, dass das Muster sichtbar wird. KI, besonders Chat-GPT, möchte kontrastieren und besonders feinsinnige Unterscheidungen treffen. Immer wieder. Wenn jedoch das Stilmittel nichts zum Grundkonzept des Textes beiträgt, wirkt es diffus.
Nicht-dieses-sondern-jenes-Formulierungen mit Triplets
Beispiele
Ich liebe dich nicht, weil du perfekt bist – sondern weil du bleibst, verstehst, verzeihst.
Liebe braucht kein Versprechen, kein Drama, keinen Plan – sondern Zeit, Wahrheit, Herz.
Manchmal ist Liebe keine sanfte Wolke, sondern ein Blitz, ein Rauschen, ein kalter Guss.
In organischen Texten taucht der Nicht-dieses-sondern-jenes-Sprachgebrauch ebenfalls auf, in KI-Texten tragen sie jedoch nichts zum Inhalt bei, sondern verlängern ihn künstlich. In obigen Beispielen hängt das Triplet hinten dran, was KI besonders häufig und gerne tut.
Zur Unterscheidung:
Streicht man in KI-Texten diese Formulierungen, wird es inhaltlich besser.
Streicht man in natürlichen Texten Formulierungen wie diese, wird es unlogisch.
Die Energie in generischen Blogposts
KI-Texte in Blogposts sind, je nach Thema, kühl oder blumig.
Der blumige Stil
Es häufen sich die typischen Blog-Formulierungen wie
In einer Welt von ...
Vielleicht ist die Wahrheit nicht ..., sondern ...
Es soll inspiriert klingen, bedient sich aber sämtlicher Blogtexte, die je im Internet verfasst worden sind. Daraus erzeugt KI jene Durchschnittssprache, von der sie denkt, dass sie zu einem Blogpost passt.
Am Ende gibt es das übliche Fazit, das sie auch "Fazit" nennt.
Der kühle Stil
Im anderen Fall, wenn es um sachlich-informierende Texte geht, schreibt sie – bedauerlicherweise – nicht wie ein Wikipedia-Autor, sondern in Listen, Punkten und Aufzählungen. Diese Texte sind auch dann eisig, wenn der Ersteller denkt, der Content wäre ausgezeichnet. Prompter verlieben sich spätestens dann in KI-Erzeugnisse, wenn der Prompt von ihnen ist.
Wer promptet, darf auch "Schreibe im Wikipedia-Stil" versuchen, andernfalls ist er m. E. weder zum Schreiben, noch zum Prompten gemacht.
Zukunft von KI-generierten Inhalten
Die Zukunft KI-generierter Inhalte hängt nicht allein von der Technik ab, sondern davon, ob Menschen fähig sind, zwischen Massenware und Echtheit zu unterscheiden. "In einer Welt, die Effizienz feiert, wird die Stimme, die sperrig, ungleichmäßig, widerständig klingt, zum seltenen Gut. Vielleicht liegt genau darin ihre kommende Stärke."
Der Text, der oben in Anführungszeichen steht, wurde KI-generiert. Ich gab Chat-GPT die Anweisung: Vervollständige den Absatz in meinem Stil. Wieder haben wir die Floskel “In einer Welt …”, wieder gibt es die hoffnungsvolle Wendung von "Vielleicht liegt genau darin ...". Wir haben auch das Triplet wieder, nämlich "sperrig, ungleichmäßig, widerständig".
Es handelt sich um KI.
Sie kann meinen Stil nicht fortführen, weil sie es nicht schafft, mich kongruent nachzubilden.
Ich hätte den Absatz so beendet:
Das Bittere ist die verdeckte Ausbeute geistigen Eigentums über KI, die im Ökonomischen deshalb überschnappt, weil Techniker und Marketer einen scheinbar legalen Weg gefunden habe, sich Kreativität zu unterwerfen. Sie unterwerfen jene Kreativität, die sie nicht selbst besitzen.
KI kann also mich, in dem Beispiel, nicht nachahmen. Gibt man ihr die Anweisung, mich oder einen beliebigen Autor zu imitieren, tut sie es zwar, aber sie verfolgt dennoch Gedankenstriche, Triplets und Nicht-dieses-sondern-jenes-Wendungen.
Kapitalismus im Nietzsche-Kleid – das gleiche Lied, das gleiche Leid
Ich gab Chat-GPT z. B. folgenden Prompt: Verfasse mir im Stil von Friedrich Nietzsche einen wirtschaftlichen Text von 80 Wörtern, warum ein Unternehmen, das KI benutzt, auf Personen verzichten kann.
Das Ergebnis:
“Wo einst der Mensch mühsam Listen führte und Zahlen zählte wie ein frommer Buchhalter der Ordnung, da tritt nun die Maschine – kalt, klar, unermüdlich. Kein Herz, das erschöpft, kein Geist, der irrt. Die künstliche Intelligenz: ein neuer Wille zur Effizienz. Was gestern drei taten, vermag heute ein einziger Algorithmus. Warum also an Menschen halten, wo Denken automatisiert, wo Präzision programmiert ist? Nicht aus Barmherzigkeit – nicht aus Bosheit wird der Mensch eingespart, sondern weil die Maschine stärker gehorcht. Der Mensch – ersetzt, nicht verachtet. Nur überboten, durch das, was er schuf.”
Wieder haben wir die Triplets “kalt, klar, unermüdlich”, gleich drei Gedankenstriche in 80 Wörtern und die Nicht-dieses-sondern-jenes-Formulierung. Der Wille zur Macht wird zum Willen zur Effizienz.
Für Menschen ohne Sprachgefühl ist es Nietzsche.
Für Menschen, die selbst schreiben und KI-Texte erkennen können, ist es eine Farce.
Den Unterschied macht der Konsument
Niemand will einem KI-Erzeugnis denselben Geldwert beimessen wie der Arbeit eines Menschen, zumal jeder selbst KI-Erzeugnisse dieser Art erstellen kann. Daher spricht aus meiner Sicht vieles dafür, dass sich die Zukunft in die Richtung bewegt, dass Menschen sich nicht für dumm verkaufen lassen. Sie wollen Gewissheit, ob sie es mit echter Expertise, echtem Talent und echter Kreativität zu tun haben, vor allem dann, wenn sie dafür bezahlen.
Im Online-Marketing wird jedoch der Kunde, bzw. der Konsument, damit getäuscht, dass angeblich ein Mensch gearbeitet hätte, z. B. ein echter Autor. Bemisst man den Preis eines Hardcovers mit € 29,90 geht ein Teil der Gewinnspanne an den Urheber. Wenn nun der Urheber kein Autor ist, der monatelang schrieb, sondern ein Prompter, der zwei Tage lang experimentierte, wird das Erzeugnis dennoch mit € 29,90 verkauft. Tatsächlich wäre es nicht einmal € 9,90 wert.
Die Marge erhöht sich, den Gewinn teilen sich Verlage, Handel und Prompter, der Kunde ist getäuscht.
Dies gilt im Buchmarkt genauso wie in anderen Branchen.
Meine Prognose: Da jedoch niemand gerne geprellt wird, werden Menschen aus sich heraus ein Eigeninteresse oder Gefühl für KI-generierte Inhalte entwickeln.
AI-Content-Detectors: Mensch oder Maschine?
Die meisten Menschen fühlen intuitiv, wenn ein Inhalt zu perfekt, zu kühl, zu blumig ist. Sie fühlen es auch dann, wenn es keine speziellen Kenntnisse in Stilistik und Sprachgebrauch gibt.
Technische Tools wie AI-Content-Detectors, z. B. Originality.AI, Copyleaks oder GPTZero, erwiesen sich jedoch als unbrauchbar. Ursprünglich dafür gebaut, um KI-Texte von menschlichen Texten zu unterscheiden, war die Fehlerquote so hoch, dass z. B. Open AI den Detector wieder zurück nahm.
Vermeintlich findige Konsumenten prüften, ob sie es mit menschlichem oder maschinellem Inhalt zu tun hatten. Sie nahmen Texte von namhaften Autoren und prüften sie.
Dabei fielen selbst preisgekrönte Werke durch, weil die Tools sie fälschlich als KI-Texte markierten. Essays von Studenten, Artikel etablierter Journalisten oder sogar Romane klassischer Autoren wie Hemingway landeten im Verdacht. Solche Fehlurteile untergruben Vertrauen, denn sie diffamierten menschliche Kreativität und übersahen zugleich maschinelle Routine. Statt Klarheit entstand ein Klima der Verunsicherung, Leser wie Autoren wussten nicht mehr, was galt. Der Versuch, Wahrheit mit Programmiersprache zu messen, führte damit in eine Sackgasse.
Kennzeichnung KI-generierter Inhalte
Um der allgemeinen Verunsicherung, der Verwirrung und dem Vertrauensverlust entgegen zu wirken, reagierte zunächst die USA. Es gibt zwar bislang keine einheitliche nationale Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte, wohl aber wachsende Initiativen. Plattformen wie Meta oder Google experimentieren mit Labeln, um Transparenz zu schaffen. Die Federal Election Commission prüft, wie KI-generierte Wahlwerbung zu kennzeichnen ist. Auch Universitäten und Verlage fordern Markierungen, um Täuschungen vorzubeugen. Getrieben wird die Entwicklung von zwei Motiven: dem Schutz vor Desinformation, insbesondere im politischen Diskurs, und dem Erhalt von Vertrauen in Bildung, Journalismus und Wissenschaft. Noch ist die Umsetzung fragmentiert, doch der Trend weist klar in Richtung einer verpflichtenden Offenlegung.
In Europa sind mit dem AI Act verbindliche Regeln auf dem Weg: Nach Artikel 50 müssen Anbieter und Verwender generativer KI-Systeme ab dem 2. August 2026 Inhalte deutlich als „von KI erzeugt oder manipuliert“ kennzeichnen – auch in maschinenlesbarer Form.
Inwiefern dies umgesetzt und geprüft wird, ist noch offen.
Erfolg in der Content-Erstellung
Das Vertrauen in menschengemachte Inhalte bleibt im Trend, während KI-Inhalte zunehmend skeptisch betrachtet werden.
Studien zeigen: Inhalte, die als „von Menschen erstellt“ gekennzeichnet sind, gelten als authentischer und damit als glaubwürdiger. So urteilten Untersuchungsteilnehmer, dass Nachrichtenmitteilungen – selbst wenn ihr Informationsgehalt gleich war – jene von Menschen vertrauenswürdiger finden als KI-Erzeugnisse. KU News
Eine andere Untersuchung bewies, dass Inhalte, die den Eindruck erwecken, von KI zu stammen, selbst dann abgewertet werden, wenn sie faktisch korrekt sind. Oxford Academic+1
Warum? Weil Menschen in menschlichen Texten eine nicht-mechanische Dimension erwarten: Persönlichkeit, Fehler, Nuancen, Absicht. Diese Elemente lassen sich nicht einfach durch KI simulieren, zumindest nicht ohne, dass es auffällt.
Zukünftiger Erfolg in der Content-Herstellung liegt daher bei Menschen, die eine unverwechselbare Stimme, Originalität und moralische wie ästhetische Verantwortlichkeit kombinieren. Nur wer nicht nur Information bietet, sondern Bedeutung stiftet, bleibt im Gedächtnis und baut langfristig Vertrauen auf.
Vertrauen ist die eigentliche Währung, weil es Bindung stiftet, während gepromptete Inhalte Vertrauen zerstört.
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Hat Dich schonmal jemand ein “einmalig epochales Genie” genannt, Tanja? Nachgeholt. Es gibt sogar noch einen weiteren, kleinen feinen Kniff, der gefällt dir bestimmt und ergänzt deine Analyse des fehlenden Sprachgefühls: KI kann nicht reimen und sich auch keinen Reim machen. Nur abschreiben. “Ehrlich” ist sie nur, wenn sie etwas. Wenn sich KI Texte reimen, dann weil ihr es jemand als solchen getagged hat. Wenn du ein Textprogramm mal wirklich qüalen willst, lass es “reimen” . 😂 Der schreibt vor deinen Augen Hausaufgaben vom Nachbarn ab und klaut wie ein Rabe. Dann wirft er mit Freundlichkeit um sich, weil sie schwitzt wie ein Dieb auf der Flucht. Der Kinski im Verkehrsfunk hat mega Potenzial. Weil diese Art fehlt , im Alltag. Deine Sprachstimme schneidet jedenfalls wie ein Lichtschwert. Aber stumm. Ohne die albernen Geräusche, als strecke man die zunge in einen ventilator.
Liebe Tanja,
danke für deinen überaus informativen und spannenden Beitrag, den ich auch schon mit einer geschätzten Texter-Kollegin geteilt habe.
Zu deiner Darstellung mit der Sache mit dem "Gedankenstrich" - die uns nach dem Lesen deines Beitrages in eine angeregte Diskussion verfallen lies - möchte ich gerne noch etwas hinzufügen:
Es mir auch aufgefallen, dass KI-Texte sich oftmals dem Gedankenstrich bedienen. Allerdings muss man dazu sagen, unterliegt seit mehr als 10 Jahren auch die deutsche Sprache einem Wandel (oder "Aufstieg"). Da sich mit Webtexten und Social Media auch die fürs Deutsche so bekannten Schachtelsätze immer mehr reduzieren (wir sprechen hier nicht von Literatur), weil diese fürs "digitale Auge" zu mühsam zu lesen sind, gehen wir vielerorts sprachlich in eine Kürze und Leichtigkeit, die wohl auch der Gedankenstrich vermittelt, eben weil er einen einfacheren Lesefluss zulässt, als Beistriche, die "trennen" oder gefühlt eher "bremsen".
Dazu möchte ich gerne noch den Gedanken meiner lieben Texter-Kollegin und Freundin hier teilen, die dazu angemerkt hat, dass sie selbst nach vielen Jahren schreiben diesen (Gedankenstrich) noch immer sehr schätzt und anwendet wegen seiner stimmungsvollen- und anregenden Pausen, die sein Zweck vermittelt soll und auch tut.
Da es in der Medienlandschaft meist oft um Marketing und damit verbunden ein schnelles, effizientes Vermitteln von einer Nachricht (oder Wissen) geht, ist dies ein gutes Mittel zum Zweck geworden (so wie sich die Sprache, immer mehr verändert - abgesehen von den mittlerweile akzeptierten Anglizismen, "for better or worse" :)
Ich persönlich bin auch ein großer Fan vom Gedankenstrich, weil er zumindest aus stilistischer Sicht, eine Leichtigkeit in Texte und die deutsche Sprache bringt nach der ich mich bislang oft gesehnt habe. Manchmal sehe ich diesen vielleicht sogar ein wenig als eine Brücke in die neue Welt (der deutschen Sprache). Aber vor allem finde ich schön, dass man sich über ein Satzzeichen so ausgiebig unterhalten kann. Sprache und Ausdruck sind einfach etwas unendlich Schönes. Und ich hoffe, wir geben unser Wissen dazu und die Freude am Kommunizieren nicht einfach aus Bequemlichkeit an eine außenstehende "Intelligenz" ab.